Aus der HNA vom 21.10.2009

Kassel. Weder SPD noch CDU hatten nach der Bundestagswahl Grund zu jubeln. Vor allem bei jungen Wählern haben beide Parteien auch in Kassel verloren. Darüber haben wir mit Sabine Wurst (Jusos) und Christian Rösch (Junge Union) gesprochen, Vorsitzende der Nachwuchsorganisationen in Kassel.

Warum gelingt es SPD und CDU so schlecht, junge Menschen für sich zu begeistern?

Rösch: Das Wahlverhalten von Jugendlichen hat sich geändert. Viele werden durch das Internet sozialisiert. Dort wird in nicht so langfristigen Einheiten gedacht. Das hat das Interesse an kleinen Parteien verstärkt, die initiativer arbeiten und sich nicht so sehr mit grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen. Das macht es für uns schwieriger.

Wurst: Es interessieren sich nicht weniger junge Menschen für Politik, wie man an vielen Bürgerinitiativen sieht. Aber die Art und Weise, wie Jugendliche sich einbringen, hat sich geändert. Man darf auch nicht vergessen, dass die Belastungen für Jugendliche größer geworden sind. An Unis und Schulen herrscht stärkerer Druck und Stress. Das merken nicht nur Parteien, sondern auch Vereine.

Haben die großen Parteien die Entwicklung des Internets verschlafen?

Wurst: Ja, und das tut mir weh. Die SPD hat Gesetze mitgetragen, die die Freiheit des Internets einschränken. Bei vielen jungen Leuten ist das nicht gut angekommen. Es war auch nicht Linie der Jusos.

Rösch: Auch bei uns wurden Fehler gemacht, aber es gab auch gute Projekte. Nur wird die Art, wie im Internet kommuniziert wird, in einer Partei wie der CDU nicht gelebt. Ein Beispiel: Für junge Leute ist es völlig normal, in Internetforen zu diskutieren. Vielen CDU- Mitgliedern ist das fremd. Das lässt sich aber auch nicht durch Zwang lösen. Es braucht einfach Zeit.

Einige Jungwähler sagen, Parteien seien nicht sexy. Muss eine Partei sexy sein?

Wurst: Einem Großteil haben wir nicht klar genug gemacht, wofür die SPD steht und dass sie sich auch für junge Wähler einsetzt. Was traditionelle Parteien unsexy macht, sind alte Seilschaften. Es muss nach außen sichtbar sein, dass es offen und ehrlich zugeht.

Rösch: Man darf aber auch nicht immer alles durch die Marketingbrille sehen. Es geht um Inhalte, und die müssen wir zeitgemäßer vermitteln.

Allein auf bundesweite Tendenzen können SPD und CDU ihr schlechtes Abschneiden in Kassel nicht schieben. In beiden Parteien läuft nicht alles rund: Stichwort Pfeffermann.

Wurst: Die Findung von Ulrike Gottschalck als SPD- Bundestagskandidatin lief sicher nicht optimal. Aber es ging einfach nicht anders. So etwas darf nur nicht zur Regel werden. Ich bin mir sicher, dass das noch aufgearbeitet wird.

Von ihrem Streit nach der verlorenen Oberbürgermeisterwahl scheint sich die Kasseler CDU nicht erholt zu haben.

Rösch: Wir müssen offen diskutieren, wie wir uns aufstellen. Davor sollten wir uns nicht scheuen. Dann gewinnen wir auch wieder Wahlen.

Wäre es ein Weg, junge Wähler mit jungen Kandidaten anzusprechen?

Rösch: Frischer Wind und andere Denkweisen in den Führungspositionen wären sicher nicht schlecht.

Wurst: Ich will für die Kommunalwahl kandidieren und hoffe auf einen guten Listenplatz. Dann kann die Partei zeigen, wie ernst es ihr ist, junge Leute einzubinden. Die SPD ist aber schon etwas weiter als die CDU.

Ist Ihr Rat bei der Suche nach neuen Ideen und Strategien nun besonders gefragt?

Wurst: Die SPD- Spitze spricht uns an. Außerdem gibt es einige im Vorstand wie Gabriele Jakat und Anke Bergmann, die schon länger engen Kontakt halten. Wir werden als Jusos auch ein eigenes Programm zur Kommunalwahl aufstellen.

Rösch: Einige führende Mitglieder kommen auch auf uns zu, andere warten eher ab. Wichtig ist, dass Schlüsselpositionen von Leuten eingenommen werden, die sich in Kassel auskennen. Auf Personen von außerhalb sollten wir nicht zurückzugreifen.

Was muss sich ändern, damit junge Menschen CDU und SPD nicht nur wählen, sondern auch eintreten?

Rösch: Wenn man Jugendorganisationen wirklich einbindet und nicht versucht, sie hintenherum auszuhebeln, ist es für junge Leute auch attraktiv mitzuarbeiten. Sie müssen spüren, dass sie etwas bewirken können.

Wurst: Die SPD in Kassel muss Hürden abbauen. Man muss jungen Leuten klarmachen, dass es leicht ist, sich bei uns zu engagieren. Wir müssen verständlich sein und dürfen Mitglieder, die ganz neu dabei sind, nicht sofort mit Informationen überfrachten.

Interview von Claas Michaelis