Verkehr und Mobilität gehören zu den brisantesten Handlungsfeldern kommunaler Planung. Sie berühren wie kaum ein anderer kommunalpolitischer Bereich sowohl ökologische, als auch ökonomische und soziale Fragen. Bei feinerer Aufteilung lassen sich zusätzlich die Aspekte Sicherheit, Lebensqualität, Lärmschutz, Stadtentwicklung und Planung sowie Nachhaltigkeit kommunaler Finanzen mit dem Thema Mobilität verknüpfen. Ohne Schwierigkeiten wird  schnell deutlich, dass Mobilität Querschnittsaufgabe ist und als solche auch in die Planung der anderen Bereiche einbezogen werden muss. Im folgenden Teil soll deshalb auf den motorisierten Individualverkehr als Hauptverursacher von Lärm in Kassel eingegangen werden und die damit verbundene Minderung der Lebensqualität verdeutlicht werden.

Lärmverursacher

Quelle: Kloepfer, Michael u. a. (2006): Leben mit Lärm? Risikobeurteilung und Regulation des Umgebungslärms im Verkehrsbereich

Betrachtet man zunächst einmal den Begriff „Verursacher“ im Zusammenhang mit Lärmquellen, so kann man nicht eindeutig klären, wer schlussendlich für die Entstehung von Lärm verantwortlich ist, d.h. wer der Schädiger und wer der Geschädigte ist. Jeder Mensch kann in einem Moment der Geschädigte, im anderen der Schädiger sein. Erst das Kollektiv der Menschen einer Stadt führt letztlich zur – als Störung empfundenen – Lärmbelästigung, durch den Verkehr den dieses Kollektiv verursacht. Der Verkehr an sich entsteht durch das Streben der Menschen danach, ihre materiellen und immateriellen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese fortschreitende Entwicklung spiegelt sich dann auch in den Transportzahlen des Personen- und des Güterverkehrs wider. Im Zeitraum von 1970 bis 2010 erfahren die beiden Bereiche eine enorme Zunahme – insbesondere der Individualverkehr, der in diesem Zeitraum 80% Zuwachs verzeichnen konnte (Siehe Abb.). Bereits technisch oder baulich umgesetzte Lärmminderungsmaßnahmen konnten bei diesem Wachstum bestenfalls den weiteren Lärmzuwachs kompensieren.

Dass Verkehrslärm vom Menschen als besonders belästigend empfunden wird, hat das Umweltbundesamtes in seiner Umfrage aus dem Jahr 2008 zum Thema „Umweltbewusstsein in Deutschland“ bestätigt (Siehe Abb.).

Quelle: Umweltbundesamt (2008): Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, Berlin 2008

Trotzdem ist für viele Menschen Lärm zur Normalität geworden, da es in einer Stadt kaum Ausweichmöglichkeiten gibt. Die Bürgerinnen und Bürger finden sich damit ab durch Lärm belästigt zu werden und akzeptieren und tolerieren den Zustand mit der Unwissenheit, dass dieser gesundheitliche Probleme mit sich zieht. Zudem gibt es in Deutschland kein allgemeines Gesetz zum Schutz vor Lärm, sodass für die Lösung von Lärmproblemen rechtliche Regelungen und Vorschriften unterschiedlichster Rechtsgebiete beachtet werden müssen.

Hier müssen politisch neue Weichen gestellt werden. Rechtliche Vorschriften und Regelungen müssen weiter konkretisiert und ausgebaut werden. Zusätzlich muss die Politik auf allen Ebenen die Lärmbekämpfung konsequent verfolgen, damit für alle Beteiligten optimale Rahmenbedingungen geschaffen werden können.

Dauerhafte Lärmbelastung hat gesundheitliche Folgen

„Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen, wie die Cholera und die Pest“, sagte Robert Koch schon 1910. Interessanterweise ist nicht zwangsläufig das Ohr von der Lärmbelastung betroffen, vielmehr trifft es den Hormonhaushalt des Menschen, denn Lärm verursacht Stress: Nächtlicher Lärm kann bereits bei Einzelpegeln von unter 45 dB(A) zu Gesundheitsgefährdungen führen, wenn sich die Einzelpegel um mehr als 3 dB vom Geräuschhintergrund unterscheiden.

Lärm beeinträchtigt also nicht nur das eigene Befinden, sondern kann zur Verminderung der Magensekretbildung führen und zur Ursache von Magengeschwüren werden. Auch ist die erhöhte Unfallgefahr zu beachten, da durch Lärm Warnsignale nur eingeschränkt wahrgenommen werden (oder die Warnsignale aus diesem Grund so laut sind, dass sie selbst eine immensen Lärmbelästigung sind [Rettungs- und Krankenwagen auf der Wilhelmshöher Allee]).

Lärmquellen in Kassel

Dass auch in Kassel der Individualverkehr der größte Lärmverursacher ist, verdeutlicht die Lärmkartierung des Landes Hessen. Auf den Karten ist deutliche zu erkennen, dass an den großen Straßen Kassels (Holländische Straße, Ihringshäuser Straße, Frankfurter Straße usw.) die Lärmbelastung am höchsten ist. Manch einer denkt sich da, dass auch die Straßenbahnen eine Mitschuld daran tragen. Sicherlich verursachen auch die Trams einen gewissen Lärmpegel, die Kartierung zeigt aber klar, dass auch an großen Straßen wo keine Tram fährt, ein hoher Lärmpegel existiert (Kohlenstraße, Ludwig-Mond-Straße, Wolfhager Straße). Außerdem fällt im westlichen Teil der Friedrich-Ebert-Straße (wo die Straßenbahnen der Linien 4 und 8 fahren und der Straßenverkehr insgesamt eher gering ist) auf, dass der Lärmpegel im „grünen Bereich“ liegt.

Lärmkartierung Stadtgebiet Kassel, Quelle: Hessen Viewer. Zum Vergrößern anklicken
Lärmkartierung Südwesten Kassels, Quelle: Hessen Viewer. Zum Vergrößern anklicken.
Lärmkartierung Südosten Kassels, Quelle: Hessen Viewer. Zum Vergrößern anklicken.

Bei genauer Betrachtung der Karten wird klar, wo Handlungsbedarf absolut notwendig ist. Die Holländische, Frankfurter, Ihringshäuser und die Ludwig-Mond-Straße führen jeweils durch teilweise starkbewohnte Wohngebiete. Deutlich wird auch, dass vor allem der südliche und östliche Teil Kassels fast flächendeckend unter starker Lärmbelastung leidet, was vor allem auf die angrenzenden Autobahnen 7 und 49 zurückzuführen ist.

Mögliche Maßnahmen zur Lärmvermeidung in Kassel

Maßnahmen zur Lärmvermeidung sind, wie anfangs erwähnt, eng mit anderen kommunalen Fragestellungen verbunden. Die Fragestellungen zur Lärmminderung und die damit verbundenen Anforderungen müssen in die entsprechenden Stadtplanungsprozesse integrativ und vorbeugend eingebunden werden. Die Problembereiche des Lärms, der Luftverunreinigung, der Verkehrssicherheit, der Straßenraumgestaltung und der Stadtgestaltung müssen zusammen betrachtet werden.

Schnell und kostengünstig lassen sich Fortschritte im Parkraum- und Mobilitätsmanagement erzielen. Eine effektive Maßnahme könnte der, von uns Jusos vorgeschlagene, Ausbau von Park+Rail Plätzen darstellen, um den Pendelverkehr aus dem Umland einzudämmen. Es könnten finanzielle Anreize geschaffen werden, sodass Pendler das Auto vor den Toren Kassels stehen lassen und in die Tram oder den Bus umsteigen. Die P+R Plätze müssten daher in ihrer Anzahl erhöht werden und zusätzlich finanzielle Anreize für die Pendlerinnen und Pendler geschaffen werden, weshalb die Parkplätze an sich nicht kostenlos sein sollten. Ein besserer Weg wäre das Parkticket mit einer Tages- oder Halbtageskarte des ÖPNV zu verknüpfen. Wer P+R nutzt kann dann bequem mit Bus und Bahn weiter zum Arbeitsplatz und im Anschluss noch bequem shoppen gehen, ohne sich Gedanken um einen Parkplatz machen zu müssen. Ähnliche Überlegungen sollten auch bei Dauerkarten eingebaut werden.

Insgesamt steht ein breites Bündel von Maßnahmen zur Verfügung die unter planerischen und organisatorischen Aspekten verschiedene Handlungsmöglichkeiten erlauben.

Kurzfristig umsetzbare Lärmminderungsmaßnahmen:

  • Nutzung und Förderung lärmarmer Verkehrsarten
  • Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs
  • Schaffung eines innerstädtischen Fahrradnetzes
  • Verkehrsverlagerung durch LKW-Führung
  • Geschwindigkeitsreduzierung und Verkehrsflussförderung
  • Erhalt ruhiger Gebiete

Mittel- bis langfristige Maßnahmen:

  • Fahrbahnsanierung
  • Straßenraumoptimierung
  • Lärmsenkung von Straßenbahnen
  • Installation von Schallschutzwällen

Weiterführende Links

  1. Europäische Umgebungslärmrichtlinie; PDF, 279 KB
  2. Umgebungslärmgesetz; PDF, 75 KB
  3. Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie
  4. Lärmkartierung Hessen 2007

Sebastian Böttger

Informatikstudent an der Universität Kassel
seit 2006 aktiv in der Juso Hochschulgruppe
Seit 2007 Mitglied der SPD
Seit 2010 im Vorstand der Jusos Kassel-Stadt

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